Das kleine Mädchen und der große Held

Aus dem Briefwechsel von Marie Hannes und Karl May

Produktion: Bayern2Radio
Sendung: 13.10.2001, 08.30 Uhr - "Geschichte und Geschichten" - 25 Minuten

Ein Beitrag von Peter Simon und Thomas Gaevert

Sprecher: Adela Florow, Hubert Mulzer, Georg Kostya, Anja Buczkowski, Ulrich Frank
Musik: Gerold Wagner
Regie: Anja Buczkowski
Redaktion: Dr. Ingrid Leitner
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Bild rechts: Titelbild des Buches "Leben im Schatten des Lichts" von Marie Hannes und Karl May
© Herausgeber: Hans-Dieter Steinmetz / Dieter Sudhoff - Karl-May-Verlag (1997)

Sendung anhören: [hier]

Siehe auch: [Teurer prachtvoller Old Shatterhand]


Über den Erfolg des sächsischen Lügenboldes Karl May hat man lange gerätselt. Seinen Anhängern erschien er als ewig siegreicher Held seiner Erzählungen und manchmal sogar als väterlicher Seelenfreund. Von Mays eigenen Lebensproblemen und seiner inneren Zerrissenheit ahnten sie nichts.

Eine seiner jugendlichen Verehrerinnen war die 17-jährige Marie Hannes, ein körperlich behindertes Mädchen aus Wernigerode im Harz. In ihren Briefen erzählt Marie Hannes dem Schriftsteller nicht nur von ihrem Leben, das von früher Krankheit geprägt war, sondern plauderte auch von ihren Zukunftsträumen, in denen sie sich selbst als Dichterin sah. Mays Neugier erwachte und er besuchte das Mädchen in Wernigerode.

Die Begegnung wurde der Anfang einer außergewöhnlichen Beziehung. Als einige Jahre später durch Gerichtsprozesse und Pressehetze bekannt wurde, dass der vermeintlich unfehlbare Karl May nur ein schwacher Mensch war, und vielleicht schlimmeres, wandten sich viele Leser von ihm ab. Marie Hannes hielt weiterhin zu ihrem Idol und wollte eine Verteidigungsschrift über Karl May veröffentlichen. Doch damit sollte das Verhältnis der beiden eine tragische Dimension bekommen: Karl May vernichtete die literarischen Ergüsse seiner treuen Verehrerin, die sie ihm vertrauensvoll geschickt hatte, damit er sein Urteil darüber abgeben und ihr auf dem Weg zur Dichterin weiterhelfen könne. Recherchen des Karl-May-Verlages förderten vernichtet geglaubte Briefe und Manuskripte zutage, die eine Geschichte aus der Zeit um 1900 erzählen, als es bereits eine literarische Massenkultur, ihre Stars und ihre Abgründ gab.

Text: RadioZeitung 41/2001 , Seite 5