Kasachstan, das war einmal
Wie die Familie Briandin in Deutschland eine zweite Heimat fand

Sendetermin: 29.06.2016, 10.05 Uhr, SWR2 Tandem - 25 Minuten
Wiederholung: Freitag, 24.08.2018, 10.05 Uhr, SWR2 Leben

Autor: Thomas Gaevert
Redaktion: Ellinor Krogmann
Regie: Günter Maurer

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Emma Briandin unterrichtet Kriegsflüchtlinge in der deutschen Sprache. Die erste Hürde, als Asylbewerber „anerkannt“ worden zu sein, haben die 16 Teilnehmer ihres Deutschkurses genommen. Doch jeder von ihnen weiß genau: Wenn sie wirklich bleiben wollen, dann müssen sie auch die deutsche Sprache beherrschen, müssen sich in unser Alltagsleben und unsere Kultur einfühlen können. Erst dann werden sie eines Tages keine Fremden mehr sein, sondern wirklich „anerkannt“ werden. Denn Heimat habe sehr viel mit „anerkannt sein“ zu tun, sagt Emma.


Die Briandins 2016 auf dem Gelände des ehemaligen Wohnheims Diabas. Die Gebäude sind heute nur noch Ruinen.
Foto © (2016): Thomas Gaevert

Die sechzigjährige Lehrerin weiß, wovon sie redet. Geboren wurde sie 1955 im Uralgebiet. Ihre Eltern wurden als Rußlanddeutsche dorthin zwangsumgesiedelt. 1959, nach Stalins Tod, zog die Familie auf eine Sowchose im Norden Kasachstans um. Dort wuchsen Emma und ihr zwei Jahre jüngerer Bruder auf.

„Also das war dort richtig Multikulti im positivsten Sinne“, erinnert sich Emma heute. „Es war so egal, welcher Nationalität du warst. Es gab so viele gemischte Ehen, zum Beispiel deutsch-kasachisch oder russisch-kasachisch. Später sind dann noch mehrere Familien aus der Ukraine oder aus anderen Republiken innerhalb der damaligen Sowjetunion auf unser Dorf gekommen, darunter viele Georgier und viele Tschetschenen. Also das war völlig normal! Bis zu diesem Jahr 1991. Während die Perestroika im Westen gefeiert wurde, sollte sie uns zum Verhängnis werden. Auf einmal hieß es: so, wir sind jetzt Kasachstan, ab morgen reden wir alle kasachisch! Die ganzen Amtswege, alles auf kasachisch. Von heute auf morgen. Plötzlich war Haß und Feindschaft unter den Menschen. Jeder, der kein geborener Kasache war und die Möglichkeit hatte, wegzufahren oder auszuwandern, verließ das Land… Und deswegen haben meine Eltern gleich gesagt: Anstatt sich hier jetzt erneut als 'Deutscher' und 'Faschist' beleidigen und beschimpfen zu lassen, fahren wir jetzt in das Land, aus dem unsere Urgroßeltern einst herkamen."


Die Briandins 1992, kurz nach ihrer Ankunft in Deutschland. Das Foto zeigt sie zusammen mit zwei weiteren Auswandererfamilien im Übergangswohnheim Diabas bei Neuwerk im Harz. Hintere Reihe stehend, zweite von rechts: Emma Briandin; rechts neben ihr stehend Sohn Andreas, links vor ihr Tochter Nelly. Ganz links links stehend Ehemann Paul Briandin.
Foto: privat

Doch als Emma Briandin und ihre Familie im Dezember 1991 in Deutschland ankamen, stellte sich die Realitität ganz anders da, als erhofft. Sprachschwierigkeiten und Probleme, im deutschen Alltag Fuß zu fassen, erschwerten ihnen den Neuanfang. Aufgewachsen in einer autoritären Gesellschaftsform, die das Leben bis in alle Bereiche hinein zu bevormunden versuchte, musste sie sich von nun an um alle Probleme selbst kümmern.

Heute, fast 25 Jahre später, erzählt Emma Briandin rückblickend, wie sie und ihre Familie dennoch in Deutschland ein neues Zuhause fanden.