Ihr zweites Leben
Kerstin Kuzia berät ehemalige DDR-Heimkinder

Sendetermin: 31.10.2012, 10.05 Uhr, SWR2 Tandem - 25 Minuten

Autor: Thomas Gaevert
Redaktion: Ellinor Krogmann
Regie: Günter Maurer

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Kerstin Kuzia war 15 Jahre alt, als sie in den Jugendwerkhof Hummelshain kam. Der Grund: In der Schule war sie aufsässig, passte nicht ins System. Als sie dann auch noch den Staatsbürgerkundeunterricht in Frage stellte, nahm man ihr die Freiheit.

In Hummelshain hatte man ihr die Anstiftung zu einer Massenflucht unterstellt. Dafür sollte sie in Torgau bestraft werden. Der Geschlossene Jugendwerkhof war das schlimmste Gefängnis für Jugendliche, das die DDR zu bieten hatte. Hier sollten Drill und offene Gewalt den Willen der Jugendlichen brechen. Dunkelzellen, Einzelhaft und Schläge verfolgen sie bis heute. Kerstin hatte keine Aussicht auf Hilfe. Selbst ihre Mutter sagte sich von ihr los und gab Kerstin zur Adoption frei. Auch nach der Entlassung stand Kerstin unter Beobachtung der Jugendhilfe. Ständig lebte sie in Angst, dass man ihr das Kind wegnimmt oder dass sie nach Torgau zurück muss.

Es dauerte 20 Jahre, bis Kerstin einen Weg fand, über die Vergangenheit zu reden. Nach einem psychischen Zusammenbruch folgten endlose Therapien. Doch besser als alle Psychologen half ihr zunächst die Mitarbeit an einem Ballettprojekt, um offen mit dem Trauma umzugehen. Sie begann sich ganz bewusst ihren Erinnerungen zu stellen und erarbeitete zusammen mit einer Choreografin ein Konzept, das die Qual, die sie besonders im Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau erleben musste, künstlerisch verarbeitet. Das Projekt machte Kerstin bekannt. Immer häufiger bekam sie Einladungen zu Zeitzeugengesprächen oder wurde von ehemaligen DDR-Heimkindern kontaktiert, die ähnliches durchmachen mussten und sie nun um Hilfe baten. Die meisten von ihnen hatten - ähnlich wie Kerstin noch einige Jahre zuvor - nie über das Erlebte gesprochen. Am 1. Februar 2012 eröffnete Kerstin deshalb in Berlin die erste Beratungsstelle für ehemalige Heimkinder der DDR. Die Reportage begleitet sie bei ihrer Arbeit.