Der Zeitreisende von Ansbach
oder Wer war Oswald Levett?

Sendetermine:
24.09.2012, 19.20 Uhr, SWR2  Tandem - 30 Minuten
25.09.2012, 10.05 Uhr, SWR 2
Wiederholungen:
01.09.2014, 19.20 Uhr, SWR2
02.09.2014, 10.05 Uhr, SWR2

Autor: Thomas Gaevert
Redaktion: Ellinor Ellinor Krogmann
Sebastian Mirow, Andreas Helgi Schmidt,
Ton und Technik: Renate Tiffert, Martin Vögele
Regie: Maria Ohmer

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Anfang der 80er Jahre stieß der in der DDR lebende Science-Fiction-Experte Olaf R. Spittel zufällig auf den Roman "Verirrt in den Zeiten". Das Werk war ebenso in Vergessenheit geraten wie sein Autor: Oswald Levett. Geboren am 15. Juni 1884 in Wien als Oswald Franz Löwit, mit jüdischen Wurzeln, studierte er zunächst Rechtswissenschaften und war dann - ähnlich wie der Ich-Erzähler seines Romans - als Rechtsanwalt tätig. In den 20er Jahren gehörte er zum Umfeld des gefeierten Wiener Schriftstellers Leo Perutz. "Verirrt in den Zeiten" erschien 1933 und war Levetts erster Roman. Der Hauptheld, ein junger Mann namens Erasmus Büttgemeister, muss mit ansehen, wie seine Geliebte von einem Zug erfasst und getötet wird. Mit einer Zeitmaschine will er daraufhin wieder in die Vergangenheit zurückreisen, um den Tod der Geliebten rückgängig zu machen. Doch bevor er sein Vorhaben umsetzen kann, verschwindet er spurlos. Bei seinen Nachforschungen stößt der Ich-Erzähler auf geheimnisvolle Aufzeichungen, die auf eine tatsächlich geglückte Zeitreise des Erasmus Büttgemeister in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges schließen lassen. Ausgestattet mit dem Wissen des beginnenden 20. Jahrhunderts will er nun die gesamte Menschheitsgeschichte ändern. Panzer, Flugzeuge und Feldgeschütze sollen in den Verlauf des Dreißigjährigen Krieges eingreifen und die Menschen des 17. Jahrhunderts mit den Moralvorstellungen des 20. Jahrhunderts gewaltsam bekehren. Doch bevor es soweit kommen kann, lässt ihn Levett an seinen eigenen größenwahnsinnigen Vorstellungen scheitern. Eine visionäre Vorwegnahme der 1933 beginnenden faschistischen Diktatur?


Trotz sorgfältiger Recherche gelang es Olaf R. Spittel in den 80er Jahren nicht, näheres über den Verbleib Oswald Levetts zu erfahren. Sein Schicksal schien dem seines geheimnisvollen Romanhelden zu gleichen, denn die Spuren verloren sich nach damaligem Kenntnisstand zu Beginn der 40er Jahre. Erst neuere Forschungen haben ergeben, dass der Schriftsteller 1942 in das Vernichtungslager Maly Trostinec bei Minsk deportiert wurde und dort ums Leben kam. Sein ältester Sohn Oswald Fuchs, damals noch ein Kind, entging knapp der Deportation. Heute ist er 79 Jahre alt und blickt auf eine erfolgreiche Karriere als Schauspieler und Regisseur in Österreich und Deutschland zurück. Für die Sendung begibt er sich auf eine späte Spurensuche nach seinem Vater, dem Schriftsteller Oswald Levett.


Bild oben: In der Heinestraße 4 des Wiener Bezirks Leopoldstadt befindet sich eine Gedenktafel für den jüdischen Schriftsteller Jura Soyfer. Er war ein Zeitgenosse Oswald Levetts und kam ebenfalls in einem deutschen Vernichtungslager um's Leben. Direkt unter dieser Tafel ist auf dem Gehweg ein sogenannter "Stein der Erinnerung" eingelassen. Dieser ist allen jüdischen Schriftstellern Wiens gewidmet, die im Dritten Reich um's Leben kamen. Auf dem Stein stehen stellvertretend vier Namen, darunter auch der von Oswald Levett.